Borderline und PTBS

Tja, ich denke es ist an der Zeit auch mal dieses schwierige Thema anzuschneiden. Auch ich bin eine Betroffene und ich lebe seit über 20 Jahren mit diesen Störungsbildern.

Das Leben mit diesen Störungen und deren Begleiterscheinung ist alles andere als leicht. Vielfach wird man belächelt oder als bekloppt hingestellt, was es nicht unbedingt leichter macht. Auch das Unterstellen von Absicht, Faulheit, Simulation, vorschieben des Ganzen habe ich mehrfach erfahren müssen.

Zum einen bekommt man als Borderliner ja immer gleich einen Stempel aufgedrückt – das sind ja die die sich ritzen, zum anderen ist es natürlich für nicht Betroffene sehr schwer die emotionalen Achterbahnfahrten und teilweise recht impulsiven Handlungen von Menschen wie mir überhaupt nachvollziehen zu können.

Als erstes möchte ich jedoch klar stellen, dass sich nicht jeder Mensch mit einer Borderline-Störung ritzt oder aufschlitzt und nicht jeder Mensch der sich ritzt oder ähnliche Selbstverletzung betreibt, ist automatisch ein Borderliner. Ich ritze zum Beispiel gar nicht und bin trotzdem ein Borderliner.

Zweitens sind wir Borderliner zwar auf eine gewisse Art und Weise ähnlich gestrickt, aber dennoch sind wir nicht alle gleich. Stell zehn Borderliner nebeneinander und Du hast zehn grundsächlich verschiedene Menschen vor Dir stehen…denn wie sich die Störung äußert und in welchen Bereichen man hochausladend ist, ist so breit gefächert und individuell, wie es eben der Mensch an sich ist.

Erschwerend zur Borderline-Störung kommt die PTBS – posttraumatische Belastungsstörung. Während man früher ja davon ausging, dass diese Erkrankung eher nur Kriegsveteranen oder Menschen, die Katastrophen überlebt haben, „befällt“, hat sich dieses Blatt gewendet und mittlerweile ist man sogar der Meinung, dass viele Erkrankte, die man früher in die Kategorie Borderline steckte, eigentlich eine PTBS haben, denn die Störungsbilder sind ähnlich von der Symptomatik her. Die Entstehung ist jedoch unterschiedlich. Die Borderline – Störung wird im Kindheits-bzw. Jugendalter entwickelt. Auslöser sind vielfältig. In meinem Fall ist die PTBS der Auslöser und da ich diese bereits sehr lange habe und auch noch einige andere Traumata erlebt habe, bin ich komplex traumatisiert und das ganze hat sich auch noch chronifiziert. Man muss auch dazu sagen, dass nicht jeder, der eine traumatische Erfahrung macht, eine PTBS entwickelt.

Als Begeleiterscheinungen kommen zusätzlich noch Depressionen und eine Angststörung dazu.

Doch wie ist das (Über)Leben damit? Ich schreibe diese Zeilen nieder, weil ich einiges für mich verarbeiten muss.

Weitestgehend merkt man mir meine Probleme nicht an. Wie die meisten Menschen mit psychischen Problemen habe auch ich eine Fassade geschaffen, so dass mich meine Umwelt in der Regel als freundliche und ziemlich toughe Persönlichkeit wahrnimmt. (Der Kampf findet täglich dahinter statt). Manchmal fühle ich mich so tough, bis es eben umspringt.  Ich (und ich glaube diese Fähigkeit haben viele Borderliner) bin meist schnell in der Lage mich in andere Menschen einzufühlen. Ich spüre wenn jemand ehrlich ist und auch wenn ich belogen werde. Letzteres ist ziemlich doof, denn – und da kommt quasi das Störungsbild durch – ich bin dann sehr verunsichert ob ich meinem Gefühl trauen kann oder ob ich mir das nur einbilde. Frage ich dann nach, und werde „erneut“ belogen, verstärkt sich mein Gefühl dass etwas nicht stimmt, aber gleichzeitig steigt meine Unsicherheit und meine Selbstzweifel, ob das was ich fühle wahr ist oder nicht. Damit kommen dann auch Ängste, paranoide Gedanken und die Selbstabwertung.

Generell bin ich ein Mensch mit vielen Ängsten. (Mein „Ruhepuls“ fällt selten unter 100). Diese sind mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt aber immer allgegenwärtig. Ein immer währendes Gefühl der Bedrohung. Wenn die Emotionen (die ich generell deutlich stärker verspüre als Menschen, die nicht an diesen Störungsbildern leiden) zu stark werden, spalte ich „einfach“ ab. Das ist ein Automatismus, ich kann es auch nicht kontrollieren wann das passiert, aber dann spüre ich alles wie durch eine Nebelwand oder auch gar nicht mehr. Gerade in Beziehungen bin ich dann eiskalt. Nähe kann ich generell nur schwer ertragen obwohl ich mir Nähe wünsche. Körperkontakt ist noch schwieriger, das löst längerfristig richtige Panikattacken aus. Damit das nicht passiert, gehe ich immer wieder auf Distanz und lasse Körperkontakt oder Intimitäten gar nicht erst zu.

Zwischenmenschliche Beziehungen gestalten sich für mich besonders schwierig. Ich bemühe mich Kontakte zu pflegen, aber es kommt immer wieder dazu, dass ich das vernachlässige oder sogar komplette Abbrüche praktiziere, letztere sind in der Regel endgültig, vor allem, wenn ich verletzt wurde. Selbst wenn der Abbruch nicht sofort passiert, so ist doch der Grundstein gelegt für ein Ende, welches dann nur noch eine Frage der Zeit ist. Ist mein Vertrauen erst einmal angekratzt, ist es für mich unmöglich dass zu vergessen und den negativen Emotionen, die sich dann in mir ausbreiten wie Gift, Einhalt zu gebieten.

Ich frage immer wieder meine Mitmenschen wie es sich anfühlt Gefühle zu halten, auch wenn man sich mal streitet. Ich wünsche mir sehr das auch zu können und versage jedes Mal aufs Neue, weil diese innere Zerrissenheit mich auffrisst, der Druck so stark wird und ich es einfach nicht mehr aushalte und ausbreche. Ich möchte Menschen die mir lieb sind nicht verletzen und doch tu ich genau das wieder und wieder, weil ich so große Angst hab. Eine Beziehung ist für mich immer nur in der Phase der Verliebtheit schön…dann überlagert die Euphorie und dieses wahnsinnige Glücksgefühl alles negative in mir. Aber wenn dann diese Gefühle abebben, beginnt für mich der Stress. Dann beginnen die Zweifel, ob das alles auch so richtig ist, denn es ist doch viel zu schön um wahr zu sein und irgendwo muss es doch einen Haken geben. Es gibt so etwas wie Glück nicht und irgendwann wird es mir sowieso weggenommen. Spätestens wenn der Mensch, den ich so liebe entdeckt, dass ich eigentlich total eiskalt und manipulierend bin, dass ich ein schlechter Mensch bin und es doch gar nicht Wert bin…erst leise, dann immer lauter werdend hämmern diese und andere, weitaus schlimmere Gedanken durch meinen Kopf. Ich kann dann nicht mehr zulassen, dass der Mensch der mir eigentlich alles bedeutet nah kommt…Gefühle bedeuten Schmerz und bringen mich um…Jede Kleinigkeit wird hinterfragt, jedes Gefühl welches ich wahrnehme ebenso. Ich lächle und versuche dennoch das, was mir dann noch vor Kurzem wichtig war, aufrecht zu erhalten, während sich die Gedanken manifestieren, was ich doch für ein verlogenes Miststück bin, wenn ich namentlich Gefühle ausspreche, die ich in dem Moment nicht fühle. Also spreche ich sie nicht mehr aus. Das ist, neben dem körperlichen Rückzug, das erste, was mein Gegenüber natürlich wahrnimmt – und ich spüre das. Damit kommen Schuldgefühle. Natürlich versuche ich immer wieder zu erklären was da bei mir passiert und dass es nicht die Schuld des Menschen ist, der mich doch zuvor noch glücklich gemacht hat, aber da dieser Wechsel (für mich schon länger spürbar), für den Menschen an meiner Seite recht abrupt kommt, sind da natürlich automatisch bei demjenigen Fragen nach dem Warum? Und es liegt nun mal in der Psyche des Menschen, gerade bei intensiven Beziehungen, die Schuld erst mal bei sich zu suchen. (Mein Kopf sagt: Hast du wieder super manipuliert, du scheiß Lügnerin). Ich erlebe dann Schuldgefühle, die mich massiv belasten. Dazu kommt das Gefühl versagt zu haben, weil ich Dinge, die nun mal zu einer Beziehung gehören, nicht mehr umsetzen kann. (Dabei will ich doch nur perfekt sein und geliebt werden) Das ist der Anfang vom Ende…immer. Gleichzeitig habe ich natürlich eine wahnsinnige Angst davor verlassen zu werden, das würde ja bestätigen, wie Kacke das Leben mit mir ist.

Es reichen Kleinigkeiten um diese Gedankenspirale der Selbstabwertung anzustoßen. Macht das kein Außenstehender (ob gewollt, ungewollt oder nur in meiner Einbildung), übernehm ich das selbst. Es reichen Blicke, ein falscher Wortlaut, negative Gefühle von anderen um auszulösen, dass ich mich frage was ich falsch gemacht hab (wo ich doch immer alles richtig machen muss).

Kontrolle ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt. Sie gibt mir Sicherheit. Leider ist das Leben nicht kontrollierbar. Kontrolle abgeben ein NoGo. Ich muss immer aufpassen und gewappnet sein, es könnte ja schließlich…

Vertrauen? Bis zu einem gewissen Punkt, der für mich noch nicht bedrohlich ist. Vertrauen hängt für mich mit Nähe zusammen – und je näher mir jemand steht, desto mehr arbeite ich dagegen an.

Perfektionismus. Ich wär sooo gern perfekt und strebe da auch immer wieder nach. In manchen Bereichen des Lebens geht es schon und ich kann es akzeptieren unperfekt zu sein, in anderen  nicht. In diesen Bereich fallen Gedanken wie: wenn ich mich nur ändere, dann mag man mich bestimmt. (Gefolgt von absoluter Abwehrhaltung und dem Gefühl, dass man mich verbiegen will oder ich mich verbiegen muss).

Wut: Wut ist ein mir sehr bekanntes Gefühl, meist richtet es sich erst gegen andere, wenn ich zum Beispiel das Gefühl hab ungerecht behandelt worden zu sein oder man keine konstruktive Kritik an mir übt. Aber die Wut richtet sich schnell gegen mich selber – irgendwas wird ja schon dran sein an den Vorwürfen und nur weil ich es nicht wahrnehme, heißt das ja nicht, dass sich der andere irrt…und wieder ist da die Abwärtsspirale.

Ich bin nur sehr eingeschränkt (in bestimmten Situationen auch gar nicht) in der Lage, Hilfe anzunehmen. Geschenke sind oft katastrophal, sie wecken sofort das Bedürfnis das wieder gut zu machen. Ich fühle mich schuldig und verpflichtet. (Vergesse das auch nicht und selbst wenn es Jahre dauert – ich mach es wieder gut).

Veränderungen mag ich beispielsweise gar nicht und es fällt mir sehr schwer damit umzugehen, weil jede Veränderung meine Sicherheit bedroht. Wenn Menschen aus meinem näheren Umfeld gestresst sind oder Probleme haben und deshalb „anders“ sind, beziehe ich das erst Mal auf mich. (Ich hab was falsch gemacht oder sie sehen jetzt wie ich wirklich bin). Angst und Unsicherheit und Distanz sind die Folge…

Prinzipiell ist meine Gefühlswelt eine Achterbahnfahrt mit Vollgas und kaputten Gleisen. Ich nehme es oft nicht mal mehr war, so schnell wechseln die Emotionen. Daran hab ich mich gewöhnt, die abgespeckte Version, aber wenn es kippt und da in mir das volle Spektakel stattfindet, will ich nur noch Ruhe…

Natürlich gehören neben der Selbstverletzung (die ich subtiler betreibe) auch suizidale Ideen und Wünsche dazu…sie kommen schleichend und leise und dann ist da auf einmal statt schwarz weiß nur schwarz. Mein Kind ist ein Anker um mich im Hier und Jetzt „leben“ zu lassen…aber auch der Einzige Anker. Ich hab als einen Persönlichkeitsanteil noch einen „Aufpasser“, der kommt wenn gar nichts mehr geht…und bisher scheint das ja auch ganz gut zu klappen – ich bin ja noch da.

Ich hoffe, dass ich irgendwann (mein Therapeut denkt, dass es noch ca 3-5 Jahre dauert), durch die Therapie, die Trauma-Aufarbeitung  soweit stabil sein werde, dass ich wirklich „leben“ kann. Das ich in der Lage sein werde Emotionen zuzulassen und auszuhalten und anzunehmen…Ich werd nie gesund sein, ich werd nur irgendwann vielleicht gelernt haben, so gut mit der Borderline-Störung umzugehen, dass ich die klinischen Kriterien nicht mehr erfülle.

Es ist ein täglicher Kampf den ich ausfechte, mal mehr mal weniger stark. Ich habe wesentliche Dinge in meiner Entwicklung nie erfahren, habe Dinge erlebt, die man nicht erleben sollte und durch die Fehlentwicklung konnten die Störungsbilder entstehen…ich wurde dazu gemacht…ich wäre gern anders.

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10 Gedanken zu “Borderline und PTBS”

  1. Hi du!

    Also zuerst noch einmal „Danke“ dafür, dass du mich an deinen Gedanken teilhaben lässt.
    Obwohl das alles schon relativ schwerer Stoff ist, erklärst- und beschreibst deine Gedanken und Gefühle echt toll. Du könntest glatt ein Buch schreiben, ich bin sicher es ließe sich gut lesen.

    Hast du deinen Partnern deine Gefühlswelt auf dieses Art – mit diesen Worten – schon mal näher gebracht? Ich finde, dieser (und vielleicht auch der nächste?) Post eigenen sich gut dazu.

    1. Weißt Du, dass ist eigentlich das Traurigste an der Sache…diese Sachen sind so ziemlich das erste was ich Menschen mitteile, gerade wenn es um Partnerschaften geht…aber Wissen ist das Eine, es wirklich Verstehen, die Geduld aufzubringen dieses Auf und Ab mitzumachen, zu akzeptieren dass da zwar Liebe ist, die aber von meiner Seite aus aber dann mehr freundschaftlich ausgesrückt wird, weil mehr einfach von meiner Seite aus nicht mehr umgesetzt werden kann, ist was ganz anderes…ich spüre was sich mein Gegenüber wünscht, bin ja schließlich (max. 6 Monate) in einer Symbiose mit dem Menschen gewesen und symbolisiere in dieser Zeit all das, was sich mein Partner wünscht…und dann nehm ich es weg…brachial…da nützt es nichts dass ich all das bereits im Vorfeld erklärt und angedeutet hab, eben weil ich dieses Muster von mir erkannt habe…die Verletzung ist da und damit kommt zwangsläufig der Hass auf mich selbst…

  2. Vermisst du denn einen festen Partner an deiner Seite so sehr?
    Ich meine jetzt einen, der JEDEN Abend da ist und selber mal schlechte Laune hat und dir seine schlechten Angewohnheiten und Launen damit quasi aufzwingt?
    Einer, der immer da ist, auch wenn du eigentlich mal gaaaaanz alleine sein willst? 😀

    Also ich bin ja zu dem Ergebnis gekommen, dass ich das eigentlich nicht möchte. Ich fühle mich ganz wohl als einsamer Wolf.
    Ich finde es schön, wenn man getrennte Wohnungen hat. Wenn man Lust hat, trifft man sich zum abendlichen Kuscheln auf der Couch und am Wochenende unternimmt man schöne Dinge miteinander. Also quasi eine ausgedehnte, innige Freundschaft, aber schon exklusiv.

    Vielleicht ist das ja auch was für dich?
    Dann hast du auch genug Freiraum, wenn du mit deinen Gefühlen kämpfst.
    Hast du das schon mal probiert?

    1. Also nein, ich vermisse das nicht. Ich bin mehr wie eine Katze…ich zeige Zuneigung wenn mir danach ist und nicht, weil man es erwartet oder will. Und schlechte Laune von einem Partner ist doof. (Wenn ich schlechte Laune hab mach ich das meist auch mit mir aus und brauch dann Ruhe. Da nerven Fragen wie: bin ich jetzt dran Schuld? Was ist denn los? Erlebe ich allerdings die schlechte Laune bei einem Partner stell ich genau dieselben Fragen, weil ich ja automatisch immer Schuld bin…
      Also ich bin definitiv bindungsunfähig…darum zieh ich Freundschaften vor. Die sind zwangloser und für mich leichter zu „ertragen“, weil da diese Distanz ist und somit eine Symbiose gar nicht erst aufkommen kann die dann das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz ins Ungleichgewicht bringt.

      1. Du bist doch gar nicht bindungsunfähig. Freundschaften -wenn sie gut und ehrlich sind- kannst du doch.
        Freundschaften sind Bindungen.
        Zumindest, wenn es eine gute Freundschaft ist.
        Du hast vielleicht ein Problem mit schlechten Partnerschaften/Beziehungen.
        Aber das hat doch jeder, oder?

        1. Hmm…ich werde darüber nachdenken…ich mach da, glaub ich, ziemlich krasse Unterschiede und vllt ist auch dass Teil des Problems…die Art der Bewertung…ich denk drüber nach

            1. Mein Lieber – ich bleibe nichts schuldig…da sorgt schon mein übertriebener Perfektionismus für dass ich DAS nicht vergesse 🙂

                1. Also gut, Du hast vielleicht Recht. Ich bin nicht absolut bindungsunfähig sondern eingeschränkt und das Lockere aus Freundschaften geht mir in Beziehungen verloren und ich oute mich als zu ängstlich, so dass ich lieber aufgebe als es weiter zu versuchen 😊

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